Langsam gegen den Rest der Welt

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Langsam gegen den Rest der Welt

Ein Abend mit Matthias Egersdörfer

Wir haben mit Matthias Egersdörfer über Langsamkeit, Alltagsabsurditäten und die Musik der Sprache gesprochen. Ein Gespräch, das ziemlich gut zu seinem aktuellen Programm „langsam“ passt – einem Abend, der sich mit träger Wucht gegen die Geschwindigkeit der Welt stemmt.

Langsamkeit begleitet Egersdörfer schon lange. Er erinnert sich an eine Szene aus der Schulzeit: Bei den Bundesjugendspielen zog er gemeinsam mit einem Freund die Turnschuhe aus, schlüpfte in Schlappen und schnallte sich den Schulranzen auf den Rücken, um den hundert-Meter-Lauf möglichst langsam zu absolvieren. Der Sportlehrer schüttelte den Kopf, doch die Mitschüler jubelten. Vielleicht ein früher Hinweis darauf, dass man nicht immer schneller werden muss, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Auch in seinem Programm spielt dieses Gefühl eine große Rolle. Während draußen alles rast – Menschen, Maschinen, Nachrichten – bewegt sich Egersdörfer bewusst dagegen. Er schneidet Zwiebeln langsam, denkt langsam und spricht meistens auch nicht besonders schnell. Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort hat er so sein neues Programm geschrieben. Ein Abend, der die Langsamkeit feiert – und gleichzeitig immer wieder von plötzlichen Ausbrüchen unterbrochen wird, wenn ihn etwas so richtig in Rage bringt.

Viele seiner Geschichten entstehen aus alltäglichen Beobachtungen. Nach seinen Auftritten geht er gern noch einmal durch die Stadt spazieren. Dabei wundert er sich fast jedes Mal darüber, wie sehr unsere Umgebung auf Autos ausgerichtet ist. Aus der Sicht eines Fußgängers wirkt diese Welt manchmal erstaunlich absurd – ein Blickwinkel, der in seinen Geschichten immer wieder auftaucht.

Humor und Wut liegen bei ihm dabei dicht beieinander. Geschichten sind für ihn ein Ventil, um Sehnsüchte, Ärger, Freude und Absurditäten auszudrücken. Besonders komisch werde es oft dann, wenn jemand wegen einer Kleinigkeit völlig aus der Fassung gerät.

Eine besondere Rolle spielt für ihn auch der Klang der Sprache. Beim Lesen von Autoren wie Thomas Bernhard, Charles Bukowski oder Jean Paul genießt er vor allem den Rhythmus der Worte. Manchmal, sagt er, verstehe man gar nicht jedes Detail – und trotzdem ziehe einen der Sound der Sprache mitten in die Geschichte hinein. Vielleicht versuche er beim Schreiben einfach, Wörter wie ein Saxophon zu spielen.

Was er sich wünscht, dass das Publikum nach einem Abend mitnimmt? Viele erzählen ihm, dass beim Zuhören Bilder entstehen, fast wie ein Film im Kopf. Genau das freut ihn besonders. Vielleicht laufen diese Bilder ja noch ein wenig weiter, wenn er selbst längst wieder draußen unterwegs ist – auf einem Nachtspaziergang zwischen parkenden Autos.

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